Die Cable Cars in San Francisco

Bei meiner Reise nach San Francisco beeindruckten mich vor allem die Kabelstraßenbahnen. Die Cable Cars von San Francisco sind weltberühmt, seit sie in einem Dutzend Filmen als charakteristisches Requisit zu sehen waren. Keine andere Stadt der Welt besitzt heute noch ein so originelles Verkehrsmittel, das sich zudem in mehr als hundert Jahren praktisch bewährt hat.

Wie von einem unterirdischen Magneten gezogen, gleiten die halboffenen grünen und grüngelben und die offenen rotgrauen Wagen hügelauf, hügelab über die hohen Wellen der schnurgeraden Großstadtstraßen, ohne Rücksicht auf Steigungen und steile Abfahrten.

Wo sind die Kabel, von denen sie ihren Namen haben? Nichts zu sehen! Aber leise zu hören. Ein monotones klapp, klapp, klapp aus den schmalen Spalten zwischen den Gleisen verrät, dass darunter in zwei engen Kanälen das Kabel zirkuliert. Dieses 196drähtige, von Rollen gestützte und geführte endlose Stahlkabel, das von einem zentralen Maschinenhaus aus in ständigem Umlauf gehalten wird, ist das Antriebsmittel. Der athletische Fahrer des Cable Car, der „Gripman”, packt es mit einem langen, in das Wagengestell eingebauten Greifer und das Kabel nimmt den angeklammerten Wagen mit. Daher die gleichmäßige Geschwindigkeit aller Cable Cars von 20 km/h.

Vor jeder Haltestelle löst der Fahrer den Zangengriff, der Wagen läuft frei und kann jetzt gebremst und zum Halten gebracht werden. An den Endstationen wird er auf einer Drehscheibe in die Gegenrichtung gedreht.

Die Fahrt mit einem Cable Car ist zugleich Abenteuer und Vergnügen. Mit gemächlichen 20 km/h zieht ein buntes Panorama am Fahrgast vorüber: Menschen, Autos, Wolkenkratzer, hohe und immer niedrigere Wohnhäuser, Chinatown, die steilste, gekrümmteste Straße der Welt, der Blick von oben auf die Wellen der abfallenden und wieder ansteigenden Straßen rechts und links, schließlich die Atem raubende Abfahrt zur Fisherman's Wharf mit all ihren Sehenswürdigkeiten.

Die bei Einheimischen und Fremden so beliebte Kabelbahn war vor hundert Jahren die intelligente Lösung eines Verkehrsproblems, das es nur dort gibt. Als nämlich im Goldrausch von 1849 die Stadt San Francisco fast über Nacht aus dem Nichts erwuchs, gaben ihr die Planer den gewohnten Grundriss amerikanischer Städte. Sie legten ein Netz schnurgerader Straßen, die sich im rechten Winkel schneiden, über Berg und Tal hinweg und kümmerten sich nicht um die natürliche Bodengestalt.

Schon 1852 gab es auf den teilweise bereits gepflasterten ebenen Straßen die erste Pferdebahn und 1860 Dampfomnibusse. Über die mit Bohlen belegten Hügelstraßen zu gehen oder zu fahren soll dagegen halsbrecherisch gewesen sein. Unfälle waren an der Tagesordnung. Die auf den steinigen, steilen Strecken eingesetzten Omnibuspferde wurden brutal überfordert und brachen oft unterwegs zusammen.

Andrew Smith Hallidie, ein junger Ingenieur und Kabelfabrikant, empört über die Quälerei der Pferde, sann auf Abhilfe. Er entwarf 1870 ein System, bei dem durch Verwendung von starken Zugkabeln auf Pferde verzichtet werden konnte. Seine Cable Cars waren damals im Prinzip genauso, wie sie es heute noch sind.

Drei Jahre später, 1873, rollte der erste Wagen erfolgreich über eine Versuchsstrecke. Noch im selben Jahr nahm die erste Cable Car-Linie ihren Betrieb auf. So schnell ging das damals. In wenigen Jahren besaß San Francisco acht Linien mit einer Länge von zusammen 180 km. Andere amerikanische und auch europäische Großstädte folgten dem Beispiel.

Bei dem großen Erdbeben von San Francisco am 18. April 1906 und dem anschließenden Feuer wurden auch die Einrichtungen der Kabelbahn und fast alle Wagen zerstört. Von dieser Katastrophe haben sich die Kabelbahnen nie wieder ganz erholt. Autobusse fahren jetzt auf den meisten Strecken. Im Jahre 1947 sollten auch die letzten Cable Car-Linien durch Busse ersetzt werden. Aber den Bürgern von San Francisco gelang es in jahrelangem Kampf, das zu verhindern. Drei Linien mit zusammen 39 Wagen sind heute noch in Betrieb.

Zugegeben: Die Cable Cars sind mit 20 km Geschwindigkeit in der Stunde nicht gerade das schnellste Nahverkehrsmittel. Aber unbestritten das langlebigste, im Betrieb wirtschaftlichste, geruchloseste und geräuschärmste, kurz: das umweltfreundlichste. Und das beliebteste. Während andere Großstädte ihre Straßenbahnen abschaffen, hat San Francisco sein Cable Car-System 1964 unter Denkmalschutz gestellt.

Resümierend kann ich aus meinen Reisen durch Skandinavien und jetzt den USA sagen, dass man dort wesentlich gelassener fährt als in Deutschland. Während in Deutschland meist ohne Rücksicht gerast wird, fährt man in Schweden und in den USA gelassener.